Montag, 9. November 2015
Krankenhaus-Staffellauf
Ich darf nicht verlieren. Zwanzig Meter-sonst ist meine gesamte Karriere als Leistungssportler beendet. Zehn Meter- ich denke an meine Familie, meine Eltern. „Es ist in Ordnung, wenn du Zweiter wirst“, hatte meine Mutter gesagt. Doch ich weiß, dass das eine Lüge war. Ich überhole den Ersten kurz vor dem Ziel und gewinne mit einer Nasenlänge Vorsprung. Geschafft- Olympische Spiele, ich komme!
Zumindest dachte ich so…
Doch dann:
Das Auto-die Fahrt nach Hause- die Kreuzung-der Bus- das Nichts…

Einatmen- ausatmen-einatmen-ausatmen- Augen öffnen- Wieder anfangen Röntgenbilder auszuwerten, Aufzeichnungen vor dem nächsten Termin anzusehen. Seine Sekretärin stört ihn: „Da ist ein dringender Fall auf der OP-Station…“ Er war schon wieder am Überstunden machen. Aber so funktioniert es in der Welt- jeder muss seinen Beitrag leisten. „Ist das nicht sogar Teil meines Berufes als Arzt“, denkt er grimmig, „Leuten dazu zu verhelfen, ihren Beitrag leisten zu können? So funktioniert’s doch in der Welt! Und Aussteigen ist nicht. Dann funktioniert’s nicht.“ Sie reicht ihm einen Ordner. „Beide Beine müssen ab.“

Ich wache im Krankenhaus auf. Was ist passiert? Mir tut alles weh. Alles… Außer meine Beine. Meine Beine! Ein Glück sie tun nicht weh, ihnen geht es gut. Doch mir fällt auf: Sie schmerzen zwar nicht, doch ich kann sie überhaupt nicht spüren! Ich bekomme Panik. Voller Schreck wende ich mich an eine Krankenschwester: „Was…“, setzte ich an. Meine Stimme ist nur ein Keuchen. Sie hört mich trotzdem: „Er ist wach“, ruft sie zu jemandem.
„Können sie mich hören? Verstehen sie, was ich sage?“ Ihre Frage führt dazu, dass sich in meinem Kopf alles dreht. Sie sagt: „Sie hatten einen Autounfall. Ihre Beine sind von einem Bus zertrümmert worden. Sie werden zwar beide verlieren, aber …“
Ich hörte nicht mehr hin. Meine Beine, das Wichtigste in meinem Leben. Und ich würde sie beide verlieren. Alles was ich mir aufgebaut habe – weg. Meine gesamte Karriere – dahin. Ich würde mein restliches Leben im Rollstuhl und als Pflegefall verbringen. Meine Eltern …

Er macht sich auf den Weg. Dabei denkt er sich: „Ein Raucher also.“ In ihm steigt Ekel hoch. Er hatte mal von einem Fall gehört, in dem einer schwangeren Kettenraucherin, die auch für das Kind nicht aufhören wollte, regelrecht zur Abtreibung geraten wurde. Das Kind hätte wahrscheinlich nicht einmal seinen ersten Tag überlebt. Depressionen hatten die Runde gemacht… Soll ich etwa auch anfangen, meine Patienten zu vergiften? So geht’s nicht in der Welt. Jeder muss seinen Beitrag leisten! Und Aussteigen ist nicht.

Meine Eltern! Ich bin ihr einziges Kind! Sie haben alles für mich getan, ohne je etwas zurückbekommen zu haben. Ich könnte mit der Enttäuschung fertig werden, aber sie… Meine Mutter, sie würde es nicht ertragen, mich den Rest ihres Lebens pflegen zu müssen. Mein Vater, er saß selber am Steuer. Beide könnten es nicht ertragen, mich leiden zu sehen. Nein, ich darf nicht zulassen, dass sie sich wegen mir ihr restliches Leben verderben.

Er steht jetzt vor der Tür. Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen. Runterkommen.
Ich bin jetzt im OP-Saal und fasse einen Entschluss. Ich darf diesen Saal nicht lebend verlassen. Ich werde in diesem Raum sterben. Die Tür öffnet sich, die Tür schließt sich. Der Arzt kommt rein.

Geschrieben von Heidi und Karoline



Der Mann mit der Laterne
„Ist dir kalt?“ Es war kalt. „Soll ich dir eine Jacke geben?“ Sie nickte stumm und nahm die Jacke an.
Sie schaute ihn nicht an, murmelte nur ein kurzes „Dankeschön“ und wollte gehen. Doch ihr Blick verfing sich in seiner Laterne und sie blieb hängen. Er schaute sie besorgt an. „Geht`s dir gut“?
Sie nickte wieder, doch er glaubte ihr nicht. „Du siehst aber gar nicht gut aus!“ Sie betrachtete sich in einer nahegelegenen Pfütze: kaputte Schuhe, ein schmutziges Kleid, zerzauste Haare. Dazu kam noch, dass es den ganzen Tag lang geregnet hatte. Nur die Jacke sah gut aus.
„Er hat Recht“, dachte sie, aber sie hatte zu viel Angst es zu sagen. Sie dachte daran, einfach loszulaufen und im Dunkel der Nacht zu verschwinden. Doch irgendwie war er anders als die Menschen, die sie jagten und schlugen, nur weil sie kein Zuhause hatte.
„He, bist du stumm?“ Sie fuhr zusammen. Ihn hatte sie über ihre Gedanken völlig vergessen. Mitfühlend sah er sie an. „Du brauchst doch keine Angst zu haben. Schau, ich war selber genauso wie du. Ich weiß, wie du dich fühlst.“ Sie schaute ihn fragend an. „Ich weiß, ich weiß, ich sehe vielleicht nicht so aus, aber ich habe auch einmal auf der Straße gelebt. Das ist nicht schön!“ Sie schüttelte den Kopf.
Er sah sich selbst in der Pfütze. Ein Nachwächter: Stiefel, Hose, Mantel, Hut- alles neu und schön warm. Die Lampe- hell und warm leuchtete sie ihm den Weg. Kaum zu glauben, dachte er, dass er es geschafft hatte. Er würde nie den Mann vergessen, der ihm geholfen hatte. Er hatte ihn aufgenommen, großgezogen und mit in die Kirche genommen. „Ein netter Mann“, dachte er. Doch er war nicht mehr da. Eines Tages wurde er zum Nachtwächter gemacht und der Mann verschwand aus seinem Leben.
Ein Hund bellte und riss ihn aus seinen Gedanken. Plötzlich merke er, dass sich das Mädchen an seine Hand klammerte. „Hast du Hunger?“ Sie nickte und schaute in die Laterne. „Dann komm, bei mir Zuhause ist es schön warm. Dort gibt´s auch was zu essen.“ Er schaute ihr ins Gesicht und lächelte sie an, das Mädchen lächelte zurück.

Verfasst von Heidi



Zwei Schwestern
Tränenüberflutet lief sie den Gang entlang auf der Suche nach Zimmer Nummer 88. Nur dünne, weiße Wände trennten die Komapatienten von der Notaufnahme im Erdgeschoss.
Sie atmete noch einmal tief durch und betrat das Zimmer.
Geschockt stand sie nun vor ihrem Zwilling. Viele Schläuche hielten das Mädchen am Leben. Sie nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben das Bett. Vorsichtig strich sie mit der Hand über das Gesicht ihrer halbtoten Schwester.
„Ich dachte, du würdest wieder aufwachen! Aber so wirst du nie wieder das Leben mit mir gemeinsam genießen können.“, sprach sie weinend. „Ich kann es nicht mit ansehen, wie du hier reglos und allein liegst! Kannst du mich denn noch verstehen? Hören?“, fragte sie hoffnungsvoll, doch nichts passierte.
Erneut schossen ihr die Tränen in die Augen und blickte in das Gesicht ihrer Zwillingsschwester. Sie sah aus wie sie selbst, nur nicht mehr am Leben, bleich wie ein Kalkstein. Ich kann nicht mit ansehen, wie hier ein Teil von mir tot liegt…
„In meinem Herzen wirst du weiterleben! Ich verspreche es dir!“ Entschlossen zog sie ein Kabel von ihrer Schwester ab und sofort fingen die Geräte quälend laut an zu piepen. Ein letztes Mal hielt sie ihre Hand und sprach: „Du lebst, meine Schwester, in meinem Herzen lebst du ewig!“

Geschrieben von Lisa